| German Studies 204: Intermediate German II Thema: Multikulturelle Gesellschaft Text: Eine Frage der Anpassung |
| 21. 12. 2004 |
Gymnasium Von Christine Burtscheidt| Das D auf seiner Baseball-Mütze steht für Detroit. Dort, wo erfolgreiche Rapper wie Eminem herkommen. Ein bisschen schaut Ümit Dikmen selbst wie einer aus. In seinem signalroten Schlabber-T-Shirt, der viel zu großen Jeans und den locker gebundenen Schnürsenkeln an seinen Turnschuhen. In beiden Ohrläppchen stecken zwei Brillant-Imitate. Rap findet der 20-Jährige gut. Noch besser ist nur Fußball. „Der ist mein Leben“, sagt Ümit. Beim TSV Vilsbiburg ist er Libero. Die Rolle des Grenzgängers spielt er auch im ganz realen Leben. Frei pendelnd zwischen zwei Welten, der deutschen Heimat und der türkischen Herkunft. Auf die Frage, welche Identität er nun eigentlich habe, sagt Ümit: „Das kann ich nicht sagen.“ Wichtiger ist ihm eigentlich auch, was er bereits erreicht hat. „Meine türkischen Freunde sind stolz darauf, dass es einer von ihnen so weit gebracht hat.“ Ümit ist einer von drei Türken, die das staatliche Gymnasium in Vilsbiburg besuchen. Einer von drei Prozent ausländischen Schülern. Landesweit liegt die Quote bei vier Prozent. Eine erschütternd geringe Zahl, die eine von den Grünen im Landtag vorgelegte aktuelle Studie mal wieder belegt. „Bildungsarmut in Bayern“ heißt der Titel. Das Resümee lautet: Die Lage der Migranten in Bayern ist schlecht, ihre Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss sind gering. Soziale Selektion nennen das Experten. Von morgen an wird das Wort wieder in aller Munde sein, wenn der zweite Durchlauf der internationalen Studie Pisa präsentiert wird. Zwar haben die Deutschen etwas aufgeholt. Von Platz 21 beim Lesen sind sie auf Platz 19 aufgerückt. Doch das ändert nichts daran, dass es in Deutschland ein Bildungsproletariat gibt. 20 Prozent der deutschen Schüler erreichen auch bei diesem Leistungsvergleich nur die unterste Qualifikationsstufe. Zehn Prozent bleiben ohne Schulabschluss. Die es trifft, sind besonders ausländische Jugendliche. "Schuld liegt bei den Eltern" Ümit ist so gut wie jeder durchschnittliche deutsche Schüler. Kein Streber, eher einer, der alles mehr liebt als das Pauken. Einmal hat er auch schon eine Ehrenrunde gedreht. Über seine Leistungen sagt er ehrlich: „Ich würde mich leichter tun, wenn ich wollte.“ Doch lieber steht er auf dem Fußballplatz oder trifft nachmittags seine Freunde. Dennoch wird er im nächsten Mai das Abitur am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium schreiben. Als einziger Türke seines Jahrgangs. Warum es nicht mehr seiner Landsleute an die höhere Schule geschafft haben, darüber hat er sich schon viele Gedanken gemacht. Er sitzt auf einem Stuhl im Direktorat seiner Schule und sagt nach einer kurzen, seine Argumente abwägenden Pause: „Ich gebe eindeutig die Schuld den Eltern. Es ist ihre mangelnde Anpassungsfähigkeit.“ Vilsbiburg ist eine kleine beschauliche Stadt in Niederbayern und vergleichsweise wohlhabend. 11.000 Menschen leben dort, zehn Prozent von ihnen sind Ausländer. Für das flache Land in Bayern ist das viel. Bei neun Prozent liegt der Anteil landesweit. Die Industrie im Umkreis wie BMW in Dingolfing bietet Arbeitsplätze. Ümit Dikmen gehört zur dritten Generation. Die erste kam in den 60ern als Gastarbeiter. Damals gab es noch eine Textilfabrik. Sie suchte händeringend Leute. Zehn Jahre später hat sie dicht gemacht. Seilerblock heißt heute das Viertel, wo einst die Weberei stand. 500 Meter entfernt vom Gymnasium liegt es. Dort leben 95 Prozent der türkischen Gemeinde. „Die schotten sich ab“, sagt Ümit. Er ist froh, dass seine Eltern nicht den Fehler machten, in das Türkenviertel zu ziehen. „Sonst wäre ich nicht hier.“ Ümit zieht es nicht häufig in das Viertel. „Dort hat man nicht den besten Umgang.“ Er erzählt von Schlägereien. Gelegentlich, wenn wieder etwas vorgefallen ist, spricht er mit den Leuten: „Kannst Du nicht die Zähne zusammenbeißen und etwas Sinnvolles aus Dir machen!“ Sie nicken dann, stimmen ihm zu. Doch selten wird etwas daraus. Hohe Sprachbarrieren Woran die meisten seiner Landsleute scheitern, ist die Sprache. Das verfolgt Ümit auch in seinem nächsten Umfeld. Freunde, die mindestens so intelligent sind wie er, schaffen gerade den Hauptschulabschluss – „nur weil sie keinen deutschen Satz bilden können“. Doch woher sollen sie es lernen. Zu Hause sprechen die Eltern nur türkisch; im Kindergarten ist es ähnlich. „Die Eltern schicken ihre Kinder möglichst in dieselbe Gruppe“, erzählt er. Sprachkurse, wenn der Staat sie überhaupt zahlt, werden oft nicht angenommen. Die hart erkämpfte Sprachlernklasse an der örtlichen Grundschule stieß auf Widerstand der Eltern. „Sie fühlten sich diskriminiert“, berichtet der Direktor des Gymnasiums, Josef Kraus. Ein ähnliches Angebot an der Hauptschule scheiterte wegen mangelnden Interesses, obgleich dort der Ausländeranteil bei 19 Prozent liegt. „Was sollen wir da noch machen?“, fragt Kraus. Auch Ümits Eltern sind ganz einfache Leute. Der Vater besuchte in der Türkei eine Grundschule. Danach schlug er sich mit Arbeit jeder Art durchs Leben. „Der hat schon viele Jobs gemacht“, sagt sein Sohn. Zurzeit ist er in einer Tabakfabrik beschäftigt. Doch so knapp das Geld zu Hause auch immer war, für die Schulausbildung wurde der letzte Cent gegeben. Nie versäumten die Eltern die Lehrersprechstunde. Auch Ümits drei Geschwister waren auf dem Gymnasium. Sie wechselten jedoch später an die Realschule. Der Bruder meint, sie hätten zu früh aufgegeben. Ein Fünfer in Latein oder Französisch, und die Sache sei gelaufen gewesen. Ümit aber hielt durch. Vielleicht auch, weil irgendwann der Direktor auf ihn aufmerksam wurde. „Herr Kraus hielt immer zu mir“, sagt er. Mit einem Mal drängt es Ümit nach Hause. Er muss lernen. Als er aufsteht, springt eine goldene Halskette hervor. Ein Anhänger ist daran. Ein Säbel. „Die Deutschen haben ihr Kreuz, wir haben unseren Säbel“, sagt er. Ümit ist Alewit. Mit einem Mal kommt er auf das Kopftuchverbot zu sprechen und wird wütend. „Warum darf einer seiner Kultur nicht nachgehen?“, fragt er. Mit solchen Gesetzen erreiche man überhaupt nichts. Wichtig wäre es doch, dass beide Kulturen endlich aufeinander zugingen – die Türken und die Deutschen |
| A. Fragen zur Textsorte |
| 1. Zu welcher Textsorte gehört der Text? Begründen Sie Ihre Entscheidung. |
| 2. Lesen Sie Überschrift und Lead. Worum geht es in dem Text? |
| B. Fragen zum Text |
| 1. Lesen Sie Überschrift, Lead und die ersten vier Abschnitte(bis "Schuld liegt bei den Eltern") durch und beantworten Sie dann die Fragen. |
| a. Wer ist Ümit Dikman? |
| b. Wie sieht er aus? |
| c. Warum ist er ungewöhnlich (= unusual)? |
| 4. Wie beschreibt/charakterisiert der Artikel die Situation der Migranten in Bayern? |
| 2. Lesen Sie relativ schnell den Rest des Artikels, und versuchen Sie dann, folgende Fragen zu beantworten. |
| a. Nennen Sie die zwei wichtigsten Gründe dafür, daß so wenig ausländische Schüler Erfolg in der Schule haben. |
| 1. |
| 2. |
| b. Warum hat Ümit es so weit gebracht? Nennen Sie mindestens zwei Gründe. |
| 1. |
| 2. |
| c. Welche sichtbaren Zeichen seiner kulturellen Identität werden im Text erwähnt (= are mentioned) |
| d. Ist Ümit - Ihrer Meinung nach - kulturell eher "türkisch" oder "deutsch" oder beides? |